Die Zweite Wiener Schule: Atonalität, Reihe und Erbe
MUSIKGESCHICHTE
Schönberg, Berg, Webern: historischer Rahmen für das Repertoire des 20. Jahrhunderts ohne die Stimme zu forcieren, von Adeline Toniutti.
Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti
Was ist die Wiener Schule in der Musik?
Die Zweite Wiener Schule bezeichnet das Trio Arnold Schönberg (1874-1951), Alban Berg (1885-1935) und Anton Webern (1883-1945). Zwischen 1908 und 1923 gelangen sie von freier Atonalität zur Zwölftontechnik: Komposition auf der Grundlage von zwölf Tönen, die nur zueinander in Beziehung stehen. Für Sängerinnen und Sänger ist dies der historische Rahmen für Pierrot lunaire, Wozzeck und Sprechgesang, ohne die Stimme zu forcieren, im historischen Rahmen des 20. Jahrhunderts.
Von der gleichschwebenden Temperatur zum atonalen Bruch
Bis zum 18. Jahrhundert begrenzte die ungleichschwebende Temperatur die Modulationen. Die gleichschwebende Temperatur (Werckmeister 1691; Bach, Wohltemperiertes Klavier) öffnet alle Tonarten. Im 19. Jahrhundert macht die Chromatik die Tonalität schwankend: Liszt schreibt eine Bagatelle ohne Tonart.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bieten sich mehrere Wege: Modi, Folklore, Polytonalität, Neoklassizismus. Schönberg, Berg und Webern wählen die Verallgemeinerung der Chromatik bis zur Atonalität: Ablehnung eines tonalen Pols. Die Forschungen erstrecken sich vor allem von 1906 bis 1923.
Schönberg: von Wagner zur Zwölftonmethode
In Wien geboren, weitgehend Autodidakt, übt Schönberg Geige und Kammermusik. Frühe Werke sind von Brahms und vor allem Wagner geprägt. 1897 studiert er Kontrapunkt bei Zemlinsky. Ab 1904 scharen sich Berg und Webern um ihn; 1910-11 verfasst er seine Harmonielehre.
1908 markiert das Zweite Streichquartett mit Gesang (die beiden letzten Sätze) den Eintritt in die Atonalität. 1912 experimentiert Pierrot lunaire mit dem Sprechgesang und passt atonale Schreibweise an ältere Formen an (Lied, Walzer, Barkarole, Fuge, Passacaglia). Bis 1923 komponiert er wenig und erarbeitet die Methode der zwölf Töne, angewandt im Walzer der Fünf Klavierstücke op. 23. In Berlin vor Hitlers Machtübernahme entlassen, geht er nach Paris und in die USA; er stirbt 1951 in Los Angeles. Wichtige Vokalwerke: Gurre-Lieder, Erwartung, Moses und Aron, Ein Überlebender aus Warschau (1947).
Prinzipien der seriellen Musik
Im tonalen System erzeugt eine strenge Hierarchie der Stufen das Gefühl der Tonalität. Mit der Zwölftonreihe stellt Schönberg eine strenge Gleichheit der zwölf chromatischen Töne her. Die Reihe (Grundgestalt) ist eine geordnete Folge: kein Ton wird vor den anderen wiederholt; B ist gleich Ais; die Oktave gilt als derselbe Ton.
Drei weitere Formen: Krebs (Rückläufigkeit), Umkehrung, Krebsumkehrung. Auf elf weitere Stufen transponierbar ergeben sich 48 melodische Möglichkeiten. Dann gilt es zu rhythmisieren, zu begleiten und Akkorde aus der Reihe zu bilden. Ab 1924 folgen Berg und Webern: die Kluft zwischen Wien und den übrigen Musikmetropolen wächst.
Berg und Webern: zwei unterschiedliche Erbschaften
Alban Berg, ab 1904 kostenloser Schüler Schönbergs, bleibt dem Postromantischen verbunden, während er die Zwölftontechnik übernimmt. Der Ausdruck hat Vorrang. Die Oper Wozzeck (Komposition 1917-1922, Uraufführung Berlin 1925) ist neben Debussys Pelléas das große lyrische Ereignis des frühen Jahrhunderts. Er lockert die Reihe: das Violinkonzert (1935, «dem Andenken eines Engels») stützt sich weitgehend auf Dreiklänge. Späte Jahre dem Lulu-Projekt gewidmet; Tod am 24. Dezember 1935.
Anton Webern, Doktor der Musikwissenschaft (Dissertation über Isaacs Choralis Constantinus, 1906), seit 1904 Schüler, pflegt trotz Atonalität traditionelle Formen (Passacaglia, Kanon, Sinfonie). Extreme Konzentration, kleine Formen, Klangfarbenmelodie. Die Reihe seines Konzerts op. 24 teilt sich in viermal drei Töne. 1945 irrtümlich getötet, wird er nach 1950 zum Vorbild Darmstadts und Boulez'.
Chronologie und Schlüsselwerke
- 1904: Berg und Webern sammeln sich um Schönberg in Wien.
- 1908: Atonalität im Zweiten Quartett; erste atonale Werke Weberns.
- 1912: Pierrot lunaire; Sprechgesang.
- 1917-1925: Komposition und Uraufführung von Wozzeck in Berlin.
- 1923: Zwölftonmethode (op. 23); Klaviersuite op. 25.
- 1935: Violinkonzert von Berg; Tod Bergs.
- 1945-1951: Tod Weberns; Tod Schönbergs in Los Angeles.
- um 1950: Webern Vorbild der jungen Generation (Boulez, totale Serialität).
FAQ
Häufige Fragen zur Wiener Schule
Wer bildet die Zweite Wiener Schule?
Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, um 1904 in Wien versammelt, dann um Atonalität (1908) und Zwölftontechnik (1923).
Was unterscheidet Atonalität und Zwölftontechnik?
Atonalität lehnt einen tonalen Pol ab (ab 1908). Die Zwölftontechnik ordnet die zwölf Töne in einer Reihe, um tonale Hierarchie zu vermeiden.
Was ist Sprechgesang?
Der in Pierrot lunaire (1912) erprobte Sprechgesang: notierte Höhe und Rhythmus, Produktion zwischen Sprechen und Singen, ohne den Kehlkopf zu forcieren.
Worin unterscheiden sich Berg und Webern?
Berg lockert die Reihe und bleibt postromantisch (Wozzeck). Webern treibt Strenge, Konzentration und Klangfarbenmelodie voran; Vorbild Darmstadts nach 1950.
Wie nähert man sich diesem Repertoire im Gesang?
Mit feiner Intonation, Diktion, Stütze und laryngealer Gesundheit, ohne einen erzwungenen Klang nachzuahmen.
Quellen und Zitate
Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).
- Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.
- Arnold Schönberg: Methode der Komposition mit zwölf Tönen; Reihenformen (Grundgestalt, Krebs, Umkehrung).
- Hans Stückenschmidt: zur unmittelbaren Wirkung von Bergs Musik (zu Wozzeck).
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