Die Zwölftontechnik: die Reihe aus zwölf Tönen
MUSIKGESCHICHTE
Definition, Reihenformen, Zweite Wiener Schule und Herausforderungen für Sängerinnen und Sänger, von Adeline Toniutti.
Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti
Was ist die Zwölftontechnik in der Musik?
Die Zwölftontechnik (Dodekaphonie) nutzt die zwölf Töne der temperierten chromatischen Skala in einer vom Komponisten festgelegten Reihenfolge, ohne tonale Hierarchie oder Anziehung zwischen den Tönen. Um 1923 von Arnold Schönberg in der Zweiten Wiener Schule formalisiert, strukturiert sie atonales Repertoire für Sängerinnen, Sänger und Pädagogen, in der Linie von Adeline Toniutti am CALYP.
Von freier Atonalität zur Zwölftonmethode
Atonalität setzt Polaritäten und Hierarchien der tonalen Sprache außer Kraft. Bei Schönberg, Berg und Webern laufen die Forschungen vor allem von 1906 bis 1923: zuerst freie Atonalität (ab 1908 im Zweiten Streichquartett), dann der Bedarf an einer Organisation so streng wie das alte Harmoniesystem.
Serielle Musik greift auf die Technik der zwölf Töne in Reihenform zurück. Im Walzer der Fünf Klavierstücke op. 23 und in der Klaviersuite op. 25 wendet Schönberg das System an. Im Rahmen des 20. Jahrhunderts ist es ein anderer Weg als Polytonalität, Neoklassizismus oder Impressionismus.
Die Reihe: Grundmaterial und Transformationen
Die Reihe ist die Abfolge der zwölf chromatischen Halbtöne in einer vom Komponisten gewählten Ordnung, Grundmaterial des Werkes. Kein Ton wird vor den übrigen elf wiederholt; B entspricht Ais; die Oktave entspricht dem Ton selbst. Strenge Gleichheit ersetzt die tonale Hierarchie.
Die Grundgestalt erzeugt drei weitere Formen: Krebs (von rechts nach links), Umkehrung der Intervalle und Krebsumkehrung. Auf elf weitere Stufen transponierbar ergeben sich 48 melodische Möglichkeiten. Dann rhythmisiert, begleitet und bildet man Akkorde aus der Reihe. Krebs und Palindrom (z. B. Berg, Kammerkonzert) setzen dieses Symmetriespiel fort.
Schönberg, Berg, Webern: drei Nutzungen der Reihe
Arnold Schönberg (1874-1951) gelangt nach freier Atonalität und dem Sprechgesang des Pierrot lunaire (1912) zur Zwölftonmethode. Seine Schüler übernehmen die Technik ab 1924 und vertiefen den Graben zwischen Wien und anderen Hauptstädten.
Alban Berg bleibt dem Postromantischen verbunden: Ausdruck zuerst, gelockerte Reihe (Violinkonzert auf Dreiklängen). Die Oper Wozzeck (Uraufführung 1925) markiert den expressionistischen Lyrismus; siehe auch die Seite Berg.
Anton Webern pflegt trotz Atonalität traditionelle Formen, mit extremer Konzentration und Klangfarbenmelodie. Sein Konzert op. 24 teilt die Reihe in vier Zellen zu je drei Tönen. Nach 1950 wird er Vorbild für Darmstadt und Boulez (Reihe auf Dauern, Dynamik, Klangfarben).
Zeittafel
- 1906-1923: Forschungen der Wiener Schule zu Atonalität und Reihe.
- 1908: atonale Wende (Schönberg, Zweites Quartett).
- 1912: Pierrot lunaire; Sprechgesang.
- 1921-1923: Formalisierung der Zwölftontechnik (op. 23, Suite op. 25).
- 1924-1925: Berg und Webern folgen; Uraufführung von Wozzeck.
- um 1950: totaler Serialismus (Boulez und Weberns Erbe).
Verwandte Begriffe aus dem Glossar der Musikkultur: Atonalität, serielle Musik, Reihe, Krebs, Klangfarbenmelodie, Sprechgesang, Palindrom, Polytonalität.
FAQ
Häufige Fragen zur Zwölftontechnik
Zwölftontechnik und serielle Musik: dasselbe?
Die Zwölftontechnik ist die Methode der zwölf Töne in der Reihe. Serielle Musik nutzt diese Organisation; der totale Serialismus (nach 1950) dehnt die Reihe auf Rhythmus, Dynamik und Klangfarbe aus.
Unterschied zwischen Atonalität und Zwölftontechnik?
Atonalität verweigert einen tonalen Pol (ab 1908). Die Zwölftontechnik ordnet die zwölf Töne methodisch in einer Reihe (um 1923).
Wer erfindet die Zwölftontechnik?
Arnold Schönberg, mit Berg und Webern (Zweite Wiener Schule). Die Reihe ist das Grundmaterial; jeder Komponist zieht daraus einen eigenen Gebrauch.
Was ist ein Krebs?
Die Reihe von rechts nach links lesen (Rekurrenz). Mit Umkehrung und Transpositionen multipliziert sie melodische Formen, ohne eine dominante Tonart wiedereinzuführen.
Quellen und Zitate
Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).
- Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.
- Zwölftönig: Technik der 12 Töne der temperierten chromatischen Skala, festgelegte Ordnung, Ausschluss jeder Hierarchie unter den Tönen (Schönberg).
- Reihe: Abfolge der 12 Halbtöne in gewählter Ordnung, Grundmaterial; Zweite Wiener Schule (Schönberg und Schüler).
- Serielle Musik: Musik, die die Technik der zwölf Töne in Reihenform nutzt.
- Atonalität: Praxis des 20. Jahrhunderts, die tonale Polaritäten und Hierarchien beiseite lässt.
- Wiener Schule: Schönberg, Webern, Berg; Forschungen 1906-1923; Webern (Klangfarbenmelodie), Berg (Postromantik, Wozzeck).
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