Legasthenie oder Sprachentwicklungsstörung: Wie unterscheiden?
SPRACHSTÖRUNGEN BEI KINDERN
Zwei häufig verwechselte Störungen mit sehr unterschiedlicher Logik. Legasthenie betrifft das Lesen, die Sprachentwicklungsstörung (SES) betrifft die mündliche Sprache. Vergleichstabelle, Beginn, und an wen Sie sich wenden sollten.
Legasthenie und Sprachentwicklungsstörung (SES, auch Entwicklungsdysphasie genannt): zwei Begriffe, die ähnlich klingen, und das nicht ohne Grund. Beide stammen aus dem Griechischen und beschreiben eine Funktionsstörung oder eine Schwierigkeit. Sie bezeichnen jedoch nicht dasselbe: Legasthenie betrifft das Lesen, die Sprachentwicklungsstörung betrifft die mündliche Sprache. Unterschiedlicher Beginn, unterschiedlicher Behandlungsweg.
Der Unterschied lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Legasthenie ist eine Lesestörung, die mit dem formalen Lesenlernen im Alter von 6 bis 7 Jahren auftritt. Die Sprachentwicklungsstörung (SES) ist eine Störung der mündlichen Sprache, die bereits in der frühen Kindheit erkennbar ist. Der Rest dieser Seite erläutert diesen Satz mit einer Vergleichstabelle, zwei klinischen Definitionen und einem klaren Vorgehensplan, je nachdem, was Sie bei Ihrem Kind beobachten.
DIREKTER VERGLEICH
Legasthenie vs Sprachentwicklungsstörung (SES): 9 Punkte zur Unterscheidung
Eine einzige Tabelle, die jeder Störung ihren Platz zuweist. Lesen Sie sie Zeile für Zeile, bevor Sie weitergehen.
| Kriterium | Legasthenie | Sprachentwicklungsstörung (SES) |
|---|---|---|
| Definition | Eine spezifische, dauerhafte Störung des Erlernens des Lesens und der schriftlichen Übertragung. | Eine strukturelle, dauerhafte Störung der mündlichen Sprache, in der Produktion, im Verständnis oder in beiden Bereichen. |
| Was betroffen ist | Die Dekodierung schriftlicher Laute: häufige Verwechslung optisch ähnlicher Buchstaben (b/d, p/q), vor allem zu Beginn, Silbenumkehr, sehr langsames Lesen, instabile Rechtschreibung. | Der Aufbau der Sätze selbst: geringer Wortschatz, telegrafische Syntax («ich nicht wollen»), verformte Wörter, manchmal beeinträchtigtes Verständnis. |
| Beginn | Sichtbar zu Beginn des formalen Leseunterrichts, im Alter von 6 bis 7 Jahren. Die Diagnose wird nach mindestens 18 Monaten Unterricht gestellt, in der Regel mit etwa 7 bis 8 Jahren. | Sichtbar ab 18 bis 30 Monaten, manchmal früher. Die endgültige Diagnose wird in der Regel zwischen 4 und 6 Jahren nach wiederholten Untersuchungen gestellt. |
| Diagnose | Logopädische Untersuchung (Lesen, Rechtschreibung, phonologische Bewusstheit), oft ergänzt durch eine psychologische Abklärung (Intelligenztest) und eine HNO-ärztliche Untersuchung (Hörfähigkeit). | Multidisziplinäres Team: Logopäde, HNO-Arzt, Neuropädiater, gegebenenfalls Psychologe. Spezialisiertes Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) bei komplexen Fällen. |
| Verlauf ohne Behandlung | Kompensation möglich, jedoch kognitiv aufwendig. Risiken für den Schulerfolg, Erschöpfung, Vertrauensverlust. Bleibt im Erwachsenenalter in einer dezenteren Form bestehen. | Bleibt im Erwachsenenalter bestehen. Ohne Therapie bleibt die mündliche Sprache strukturell eingeschränkt; dies wirkt sich auch auf Lesen, Schreiben und das Lernen insgesamt aus. |
| Therapie | Auf das Lesen ausgerichtete Logopädie, schulische Anpassungen (Nachteilsausgleich, mündliche Vorgabe der Anweisungen). In Deutschland: LRS-Förderung, Nachteilsausgleich nach den KMK-Empfehlungen. | Intensive und frühe Logopädie, oft mehrere Sitzungen pro Woche. Schulische Anpassungen häufig erforderlich (Schulbegleitung, Förderschwerpunkt Sprache, sonderpädagogischer Förderbedarf). |
| Vererbung | Starke genetische Komponente: Ein Kind, dessen Elternteil unter Legasthenie leidet, hat je nach Studie ein Risiko von 30 bis 50 %, ebenfalls betroffen zu sein. | Eine genetische Komponente ist ebenfalls vorhanden, jedoch dezenter. In der Familienanamnese finden sich häufig nicht diagnostizierte Sprachstörungen. |
| Komorbidität mit anderen Störungen | Häufig mit Dysorthographie (Rechtschreibstörung), Dyskalkulie, ADHS. Ein Kind ist selten «nur» legasthen. | Sehr häufig mit verbaler Dyspraxie, Aufmerksamkeitsstörungen, sekundärer Legasthenie ab Schuleintritt. SES «öffnet die Tür» oft zu weiteren Schwierigkeiten. |
| Verwaltungstechnische Anerkennung | In der Regel Nachteilsausgleich nach KMK-Empfehlungen; sonderpädagogischer Förderbedarf bei schweren Formen. | Meist sonderpädagogischer Förderbedarf und Schwerbehindertenausweis möglich, angesichts Schweregrad und Dauer. |
Quellen: AWMF S3-Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung der Lese- und/oder Rechtschreibstörung sowie der umschriebenen Entwicklungsstörung der Sprache; CATALISE-Konsens; HAS-Empfehlungen (Frankreich); Inserm-Sachverständigenbericht zu Legasthenie und SES.
ERSTE DEFINITION
Legasthenie: eine Lesestörung, kein Intelligenzproblem
Legasthenie ist eine spezifische, dauerhafte neurologische Entwicklungsstörung des Lesenlernens. Das legasthene Kind hat eine normale, manchmal überdurchschnittliche Intelligenz, aber das Hirnnetzwerk, das einen gehörten Laut mit einem geschriebenen Zeichen verbindet, verschaltet sich nicht so wie bei anderen Kindern.
Konkret: Ihr Kind verdreht Silben («Lampe» wird zu «Palme»), verwechselt Spiegelbuchstaben (b/d, p/q), liest langsam, verliert die Zeile, ermüdet nach zehn Minuten Lesen. Die Rechtschreibung bleibt auch nach zwei Schuljahren instabil. Es ist kein Mangel an Anstrengung, sondern eine andere Hirnverdrahtung in den linken temporo-parietalen Schaltkreisen, dort wo das Gehirn Laute mit Buchstaben verbindet.
Die Diagnose wird nach mindestens 18 Monaten formalen Leseunterrichts gestellt, in der Regel im Alter von 7 bis 8 Jahren. Davor sprechen wir nicht von Legasthenie, sondern von Risikomerkmalen (Schwierigkeiten beim Zerlegen von Wörtern in Silben, beim Erkennen von Reimen, beim Merken der Buchstabennamen).
© Emma Blanc Tailleur
ZWEITE DEFINITION
Sprachentwicklungsstörung (SES): eine strukturelle Störung der mündlichen Sprache
Die Sprachentwicklungsstörung ist eine strukturelle, dauerhafte Störung der mündlichen Sprache, die bereits in der frühen Kindheit vorhanden ist. Der heute international gebräuchliche Fachbegriff lautet seit dem CATALISE-Konsens von 2017 Developmental Language Disorder (DLD); im deutschen Sprachraum ist die Bezeichnung «Sprachentwicklungsstörung» (SES) oder umgangssprachlich «Entwicklungsdysphasie» etabliert.
Hier liegt die Schwierigkeit nicht beim Lesen, sondern im Aufbau der mündlichen Sprache selbst. Das Kind mit SES hat einen für sein Alter geringen Wortschatz, bildet Sätze in telegrafischem Stil («ich nicht wollen essen»), verformt Wörter («Phaketti» statt Spaghetti) oder versteht manchmal eine mehrstufige Anweisung nicht, selbst wenn sie langsam artikuliert wird. Die expressive Form ist am sichtbarsten; die rezeptive Form ist seltener und schwerwiegender.
Auf Hirnebene zeigt sich eine atypische Entwicklung der linken temporalen und frontalen Areale, des Broca-Areals (Produktion), des Wernicke-Areals (Verständnis) sowie ihrer Verbindungsbahnen. Es handelt sich weder um eine einfache Verzögerung noch um ein Intelligenzdefizit, noch um ein Erziehungsproblem. Ohne Therapie bleibt die SES im Erwachsenenalter bestehen.
VERBINDUNGEN ZWISCHEN BEIDEN
Warum ein Kind mit SES bei Schuleintritt häufig legasthen wird
Eine Zahl, die viele Eltern nicht kennen: Etwa eines von zwei Kindern mit Sprachentwicklungsstörung (SES) entwickelt beim Lesenlernen eine Legasthenie. Das ist kein Zufall. Lesen baut auf der mündlichen Sprache auf. Damit ein Kind «Katze» lesen lernt, muss es zunächst hören, dass das Wort «Katze» aus zwei verschiedenen Lauten besteht (/k/ und /atse/), das nennt man phonologische Bewusstheit. Wenn die mündliche Sprache selbst fragil ist, wird das Lesen auf Sand gebaut.
Daraus ergibt sich eine einfache klinische Regel: Je früher die SES erkannt wird, desto besser kann eine frühe logopädische Behandlung die Legasthenie abmildern, die später aufzutreten droht. Umgekehrt zeigen einige Kinder, die bei Schuleintritt als «legasthen» eingestuft werden, in Wirklichkeit eine SES, die in der frühen Kindheit unbemerkt blieb, weil sie «ruhig» oder «zurückhaltend» waren, also eine strukturelle Störung, die für ein Persönlichkeitsmerkmal gehalten wurde.
Die Familie der «Entwicklungsstörungen» ist breit und überlappt sich häufig: Legasthenie (Lesen), Sprachentwicklungsstörung / SES (mündliche Sprache), Dysorthographie (Rechtschreibung), Dyskalkulie (Rechnen), Dyspraxie (koordinierte Bewegungen, einschließlich verbaler Dyspraxie / kindlicher Sprechapraxie, die die motorische Programmierung des Sprechens betrifft), Dysgraphie (Handschrift). Ein Kind hat selten nur eine Störung. Deshalb ist eine umfassende Diagnostik mehr wert als eine Reihe einzelner Untersuchungen.
BEHANDLUNGSWEG
Wie Sie sie bei Ihrem eigenen Kind unterscheiden
Drei Fragen, die Sie sich stellen sollten, und drei Fachkräfte, die Sie der Reihe nach konsultieren sollten.
Vor dem 5. Lebensjahr: Fokus auf die mündliche Sprache
Wenn Ihr Kind mit 3 Jahren keine 3-Wort-Sätze bildet, wenn es mit 4 Jahren außerhalb der Familie nicht verstanden wird, wenn die Syntax mit 5 Jahren noch telegrafisch ist: erster Termin bei einer Logopädin oder einem Logopäden. Nicht später. Kein «Warten wir ab, das kommt schon». Vorab ein Hörtest beim HNO-Arzt, um eine leichte beidseitige Hörminderung auszuschließen, häufig und unterdiagnostiziert.
Zwischen 6 und 8 Jahren: Fokus auf das Lesen
Sehr langsames, abgehacktes Lesen, b/d-Verwechslung, nach 18 Monaten Unterricht noch sehr instabile Rechtschreibung: logopädische Untersuchung mit einer spezifischen Lesediagnostik. Die Untersuchung bewertet phonologische Bewusstheit, Lesegeschwindigkeit, Textverständnis, lexikalische und grammatikalische Rechtschreibung. Eine Schulpsychologin oder ein Schulpsychologe kann eine Intelligenzdiagnostik ergänzen, um die Diagnose abzurunden.
Wenn das Bild komplex ist
Mehrere Entwicklungsstörungen gleichzeitig vermutet, neurologische Vorgeschichte, schwere SES: Überweisung an ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) für Sprach- und Lernstörungen oder neuropädiatrische Konsultation. Die Neuropädiaterin oder der Neuropädiater «behandelt» die SES nicht, sondern prüft, ob keine neurologische Störung übersehen wurde, und koordiniert das Team.
DIE CALYP-PERSPEKTIVE
Gesang: eine Ergänzung, die das stärkt, was diese beiden Störungen schwächen.
Gesang ist ein hervorragender Auslöser für Fortschritte, sowohl für die Hirnaktivität als auch für die körperliche und emotionale Aktivität.
WAS GESANG KONKRET BEWIRKT
Bei Legasthenie, bei Sprachentwicklungsstörung (SES)
Bei Legasthenie: die phonologische Bewusstheit stärken
Lesen bedeutet, einen Laut mit einem geschriebenen Zeichen zu verbinden. In einer Stimmübung wie «ga-ga-ga» hört das Kind den Laut /g/ losgelöst, sauber, mehrmals hintereinander. Es spürt im Mund die Bewegung des hinteren Zungenbereichs, der den Laut nach oben befördert. Die artikulatorische Geste wird bewusst, und genau die phonologische Bewusstheit ist eine der defizitären Funktionen bei legasthenen Lesern.
Stimmübungen mit Zischlauten (F, S, SCH), Nasalen (M, N) und propulsiven Konsonanten (G, K, R) trainieren das Gehör des Kindes, ähnliche Laute zu unterscheiden, die in der Schrift mit ebenso ähnlichen Buchstaben dargestellt werden.
Bei SES: die mündliche Sprache strukturieren
Das Kind mit SES hat oft einen abgehackten Sprechfluss und einen geringen Wortschatz. Gesang gibt einen äußeren rhythmischen Rahmen vor, der Puls des Liedes hält den Satz an seinem Platz. In einem Kinderlied von 8 Takten lernt das Kind eine vollständige Syntax, ohne es zu merken, weil Melodie und Rhythmus als Stützen für die Grammatik dienen.
Die Wiederholung der Refrains baut ein auditives Gedächtnis für korrektes Deutsch auf. Und das Zusammenspiel von Zunge und Kehlkopf, das durch Artikulationsübungen gefördert wird, trägt dazu bei, die motorische Programmierung des Sprechens zu trainieren, was bei Kindern mit zusätzlicher verbaler Dyspraxie nützlich ist.
Die CALYP-Methode wurde in Abstimmung mit einem multidisziplinären wissenschaftlichen Beirat entwickelt: HNO-Chirurgen, Phoniater, Logopäden, Physiotherapeuten und Psychiater. Keine Sitzung beginnt ohne klinische Einordnung, und die Arbeit erfolgt stets ergänzend zu den laufenden medizinischen und logopädischen Behandlungen.
HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN
Legasthenie oder Sprachentwicklungsstörung: was Eltern uns fragen
Kann mein Kind sowohl Legasthenie als auch Sprachentwicklungsstörung (SES) haben? +
Ja, und das ist häufig. Etwa eines von zwei Kindern mit SES entwickelt beim Lesenlernen eine Legasthenie. In diesem Fall muss die Therapie beide Ebenen ansprechen: zuerst die mündliche Sprache, da sie die Grundlage bildet, und parallel dazu das Lesen. Eine einzige Logopädin oder ein einziger Logopäde kann beide Achsen begleiten, sofern die Diagnostik korrekt verzahnt war.
In welchem Alter kann eine Legasthenie diagnostiziert werden? +
Nicht vor etwa 7 bis 8 Jahren. Die Diagnose erfordert mindestens 18 Monate formalen Leseunterricht, um eine echte dauerhafte Störung von einem langsamen Start zu unterscheiden. Davor sprechen wir von Risikomerkmalen (Schwierigkeiten mit Reimen, Silben, Buchstabennamen) und können eine vorbeugende Förderung beginnen, ohne das Wort «Legasthenie» zu verwenden.
In welchem Alter kann eine Sprachentwicklungsstörung (SES) diagnostiziert werden? +
Eine sichere Diagnose wird in der Regel zwischen 4 und 6 Jahren gestellt, nach mehreren wiederholten Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Sprachverzögerung trotz Stimulation nicht zurückbildet. Die ersten Warnzeichen sind jedoch deutlich früher sichtbar: ein zweijähriges Kind, das nicht etwa zehn Wörter spricht, ein dreijähriges Kind, das keine 3-Wort-Sätze bildet, das ist bereits Grund für eine logopädische Untersuchung. Die Regel: nicht warten.
Lässt sich eine SES heilen? +
Nein, im medizinischen Sinne nicht. Die SES ist eine strukturelle Störung, die im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Mit einer frühen, intensiven und gut geführten logopädischen Behandlung kompensiert das Kind jedoch erheblich: Es entwickelt eine funktionsfähige mündliche Sprache, durchläuft eine angepasste Schullaufbahn und wird ein selbstständiger Erwachsener. Viele Erwachsene, die früher als sprachentwicklungsgestört galten, führen sehr erfüllte Karrieren, manchmal ohne dass ihr heutiges Umfeld die Diagnose aus der Kindheit ahnt.
Verschwindet die Legasthenie im Erwachsenenalter? +
Nein, sie wird jedoch kompensiert. Die legasthene erwachsene Person liest in einem für ihren Beruf normalen Tempo, macht wenige sichtbare Fehler, zahlt aber oft einen versteckten Preis: kognitive Erschöpfung, Schwierigkeiten mit Fremdsprachen, eine Rechtschreibung, die sensibel bleibt. Die frühe Erkennung der Legasthenie eines Kindes erspart der zukünftigen erwachsenen Person, all ihre Energie auf das Verbergen verwenden zu müssen.
Worin liegt der Unterschied zwischen SES und verbaler Dyspraxie? +
Die SES betrifft die Konzeption der Sprache: Wortschatz, Syntax, Verständnis. Die verbale Dyspraxie (kindliche Sprechapraxie) betrifft die motorische Erzeugung des Lautes: Das Kind weiß, was es sagen will, aber Zunge, Lippen und Kehlkopf koordinieren die Geste nicht korrekt. Beide können beim selben Kind gleichzeitig auftreten, und genau bei der motorischen Programmierung des Sprechens bringt die Stimmarbeit eine wertvolle Ergänzung.
Ist mein Kind legasthen oder einfach nur ein langsamer Leser? +
Drei Kriterien sind zu prüfen: die Dauer (besteht der Rückstand auch nach 18 Monaten Unterricht weiter?), der Abstand (überschreitet der Abstand zum Durchschnitt 18 Monate, gemessen in der Diagnostik?) und die Spezifität (liegen die anderen Lernbereiche, Mathematik, logisches Denken, im Normbereich?). Sind alle drei erfüllt, sprechen wir von Legasthenie. Andernfalls handelt es sich um einen einfachen Rückstand, der mit angepasster Förderung aufholbar ist.
Kann Gesang die Logopädie ersetzen? +
Nein, niemals. Die Logopädin oder der Logopäde ist die Fachkraft im Gesundheitswesen, die die Diagnose stellt, den Verlauf begleitet und über das breiteste Übungsspektrum für Sprachstörungen verfügt. Gesang greift als Ergänzung ein: Er bietet einen rhythmischen und emotionalen Rahmen, den die logopädische Sitzung nicht immer bieten kann, und er beansprucht gleichzeitig die vier Säulen (Atmung, Rhythmus, Artikulation, auditives Gedächtnis). Bei CALYP arbeiten wir stets in Verbindung mit der Logopädin oder dem Logopäden des Kindes.
Wie weiß ich, ob ich eine Logopädin oder einen Neuropädiater konsultieren sollte? +
Die Logopädin oder der Logopäde ist in den allermeisten Fällen die erste Anlaufstelle. Die Neuropädiaterin oder der Neuropädiater kommt ins Spiel, wenn das Bild komplex ist: mehrere assoziierte spezifische Lernstörungen, neurologische Vorgeschichte (Frühgeburt, Krampfanfälle, Trauma), Verdacht auf ein umfassenderes Syndrom. Die Hausärztin oder der Hausarzt beziehungsweise die Kinderärztin oder der Kinderarzt überweist. Es ist nicht sinnvoll, Schritte zu überspringen und für eine Schwierigkeit, die in der Logopädie behandelt wird, direkt eine Neuropädiaterin oder einen Neuropädiater aufzusuchen.
Sind Legasthenie oder SES erblich? +
Eine erbliche Komponente ist für beide Störungen belegt, ausgeprägter bei der Legasthenie: Ein Kind, dessen Elternteil unter Legasthenie leidet, hat je nach Studie ein Risiko von 30 bis 50 %, ebenfalls betroffen zu sein. Bei der SES finden sich häufig nicht diagnostizierte Sprachstörungen bei Eltern oder Geschwistern. Eine familiäre Vorgeschichte ist ein ernsthafter Grund, frühzeitig zu konsultieren, ohne abzuwarten, bis sich die Schwierigkeiten festsetzen.
QUELLEN & REFERENZEN
Wissenschaftliche Quellen dieser Seite
Alle faktischen Aussagen (Definitionen, Prävalenzen, Neuroanatomie, Vererbung, Behandlungsweg, schulische Maßnahmen) stammen aus peer-reviewten Quellen und überprüften institutionellen Empfehlungen.
Offizielle Empfehlungen
- AWMF S3-Leitlinie, Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044, Stand 2015 (in Überarbeitung). Auf AWMF konsultieren
- AWMF S3-Leitlinie, Sprachentwicklungsstörungen: Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen, Registernummer 049-006. Auf AWMF konsultieren
- American Psychiatric Association, DSM-5: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, 5. Auflage, 2013. Spezifische Lernstörung mit Beeinträchtigung des Lesens (315.00 / F81.0); Sprachstörung (315.39 / F80.2). APA-Beschreibung
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Adeline Toniutti
Vocal Coach, Gründerin des CALYP, Autorin und Schöpferin der Methode «Anatomie des Singens».