Die sinfonische Dichtung: Definition, Berlioz und Liszt
MUSIKGESCHICHTE
Programm und orchestale Erzählung: Kultur für Sängerinnen und Sänger vor Ouvertüren und Zwischenspielen der Oper.
Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti
Was ist eine sinfonische Dichtung?
Eine sinfonische Dichtung (Tondichtung) ist ein Werk, das in der Regel für Orchester und meist in einem Satz geschrieben ist und ein Programm, eine Idee oder eine dramatische Handlung allein mit musikalischen Mitteln kommentiert. Aus der Romantik geboren, unterordnet sie die Form einer Erinnerung, einem Symbol oder einem Text. Liszt festigt die Gattung; Berlioz ist ihr direkter Vorläufer. Für Sängerinnen und Sänger ist das Programmkultur vor Opernouvertüren und Zwischenspielen.
Definition und Gegensatz zur Sinfonie
Marcel Corneloup definiert die sinfonische Dichtung als Orchesterwerk in einem oder mehreren Teilen, das allein durch Musik ein Programm kommentiert, dem der kundige Hörer folgt. Chantavoine verbindet sie mit der Romantik: Anders als die klassische Sinfonie sind Struktur und Entwicklung einer Idee, Erinnerung oder einem Symbol untergeordnet.
Nützlicher Vergleich: Die Sinfonie folgt der Sonatenform, zählt in der Regel vier Sätze, und der Titel bleibt, falls vorhanden, oft anekdotisch. Die sinfonische Dichtung hat eine freie, vom Programm festgelegte Struktur, meist einen Satz und einen Titel, der den Gegenstand zusammenfasst. Beide Gattungen werden für Orchester geschrieben, mit seltenen Ausnahmen (z. B. Mussorgskis Bilder einer Ausstellung). Der rote Faden der Dichtung bleibt die Illustration des gewählten Themas.
Vor der Gattung und die Rolle Berlioz'
Programmatische und deskriptive Musik gab es lange vor der sinfonischen Dichtung, aber eher anekdotisch und in bestehenden Rahmen: Suite, Konzert, Sinfonie. Beispiele: Janequins Schlacht von Marignano (16. Jahrhundert), Cembalostücke von Couperin und Rameau, Vivaldis Vier Jahreszeiten, bestimmte Sinfonien Haydns und Beethovens. Diese Musik beanspruchte keine eigene Gattung.
Berlioz ist der direkte Vorläufer. Indem er die Sinfonie umgestaltet, öffnet er den Weg: fünf Sätze statt vier in der Symphonie fantastique (1830); Themen, die Ideen oder Figuren darstellen (die idée fixe) und sich im Werk verwandeln; ein vorläufiger Text namens Programm. Roland Manuel fasst zusammen: Er denkt in Worten und drückt Ideen und Bilder in Tönen aus. Harold en Italie und Roméo et Juliette setzen diese orchestale Erzählungslogik fort.
Liszt, Schöpfer der Gattung, und Les Préludes
Franz Liszt (1811-1886) schafft die Gattung. Er verwendet den Begriff 1854 für Tasso, lamento e trionfo. Mit seinen zwölf sinfonischen Dichtungen wird er ihr großer Meister: Ce qu'on entend sur la montagne (nach Hugo), Les Préludes (nach Lamartine), Orpheus, Prometheus, Mazeppa, Hamlet, Hunnenschlacht, Die Ideale und andere. Die Sinfonien Faust und Dante haben denselben programmatischen Charakter.
Les Préludes (Nr. 3), komponiert um 1848-1854 und am 23. Februar 1854 in Weimar uraufgeführt, behalten von Lamartines Meditationen nur die Einheit des Lebens unter der Vielfalt der Aspekte. Liszt baut den «Kampf zweier Prinzipien»: ein liebendes, statisches und ein dynamischeres Thema, im Geist eines Dualismus, den Beethoven schon auf seine Weise erklärte. Für Sängerinnen und Sänger erhellt diese rein orchestale Dramaturgie Ouvertüren, Zwischenspiele und Grabenklimata.
Nachfolger in Europa
In Frankreich strebt Saint-Saëns (1835-1921), Freund und Schüler Liszts, nach Kürze und orchestralem Gleichgewicht: Le Rouet d'Omphale (1871), Phaéton (1873), Danse macabre (1874), La Jeunesse d'Hercule (1877). César Franck schreibt Les Éolides, Le Chasseur maudit, Les Djinns, Psyché (mit Chor). D'Indy, Dukas (Der Zauberlehrling, 1897), Debussy (auch ohne den Titel: Prélude à l'après-midi d'un faune, La Mer) und Honegger (Pacific 231) setzen die Linie fort.
Anderswo: Smetana (Má vlast, darunter Die Moldau); Tschaikowski (Romeo und Julia, Hamlet); Mussorgski, Borodin, Rimski-Korsakow (Scheherazade), Skrjabin; Richard Strauss (wagnerisches Orchester: Don Juan, Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra, Ein Heldenleben); Sibelius (Finlandia); Respighi (Fontane di Roma, Pini di Roma). Nationale Schulen verbinden Programm, Klangfarbe und Identität.
Chronologische Orientierung und Schlüsselwerke
- Vor 1830: deskriptive Musik in anderen Gattungen (Janequin, Vivaldi, Haydn, Beethoven).
- 1830: Berlioz, Symphonie fantastique; Programm, idée fixe, fünf Sätze.
- 1848-1854: Liszts Dichtungszyklus; Begriff «sinfonische Dichtung» 1854 für Tasso.
- 23. Februar 1854: Uraufführung der Préludes in Weimar.
- 1871-1897: Saint-Saëns, Franck, Dukas in Frankreich; Smetana, Tschaikowski, Rimski.
- Ende 19. - Anfang 20. Jh.: Strauss, Sibelius, Debussy, Respighi, Skrjabin, Honegger.
Zwölf Dichtungen Liszts, darunter Les Préludes, Mazeppa, Orpheus, Hamlet; Danse macabre; Der Zauberlehrling; Also sprach Zarathustra; Finlandia; Scheherazade.
Häufige Fragen zur sinfonischen Dichtung
Worin unterscheidet sie sich von der Sinfonie?
Die Sinfonie folgt in der Regel der Sonatenform und vier Sätzen; die sinfonische Dichtung hat eine freie, vom Programm diktierte Struktur, meist in einem Satz, mit einem Titel, der den Gegenstand zusammenfasst.
Wer hat die sinfonische Dichtung erfunden?
Liszt ist ihr Schöpfer (Begriff 1854 für Tasso). Berlioz ist der direkte Vorläufer über die Programmsinfonie und die idée fixe der Fantastique.
Was sind Liszts Les Préludes?
Sinfonische Dichtung Nr. 3 nach Lamartine, komponiert um 1848-1854, uraufgeführt in Weimar am 23. Februar 1854: zwei Themen (liebend/statisch und dynamisch) für die Einheit des Lebens unter seinen vielfältigen Aspekten.
Warum sollten Sängerinnen und Sänger die Gattung kennen?
Ouvertüren, Zwischenspiele und Grabenklimata beruhen auf derselben Logik von Programm und orchestaler Erzählung. Die Gattung zu verstehen hilft, sich zu platzieren, zu atmen und mit dem Orchester zu dialogieren.
Welche Werke zuerst hören?
Liszts Les Préludes, Saint-Saëns' Danse macabre, Dukas' Zauberlehrling, dann je nach Geschmack Strauss' Don Juan oder Sibelius' Finlandia.
Quellen und Zitate
Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).
- Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.
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