Die französische Oper im 19. Jahrhundert
MUSIKGESCHICHTE
Opéra-comique und Grand opéra: gesprochene Dialoge, Arien und lyrisches Französisch, direkte Brücke zum Repertoire des Centre d'Art Lyrique de Paris.
Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti
Was ist die französische Oper im 19. Jahrhundert?
Die französische Oper im 19. Jahrhundert gliedert sich in zwei Familien: die Opéra-comique mit gesprochenen Dialogen und Alltagsstoffen, und die Grand opéra (oder schlicht « Oper »), durchgehend gesungen und oft spektakulär. Von Boieldieu und Auber bis Bizet, Meyerbeer, Gounod, Massenet und Saint-Saëns bildet die französische Bühne ein Kernrepertoire für den frankophonen Sänger, an der Schnittstelle von Diktion, Arie und Szene.
Die Opéra-comique: gesprochene Dialoge und Alltag
In Deutschland überstrahlt Wagner die Zeitgenossen. In Frankreich findet man außer Berlioz (vom Pariser Publikum wenig getragen) eher eine Konstellation von Bühnenkomponisten. Die zentrale Unterscheidung bleibt die zwischen Opéra-comique und Oper: Die Opéra-comique definiert sich vor allem durch gesprochene Dialoge, eine Art Parodie des Dramas, über Stoffe aus dem Alltag.
Vor dem italienischen Einfluss: Étienne-Nicolas Méhul (1763-1817), Jean-François Le Sueur (1760-1837) und vor allem François-Adrien Boieldieu (1775-1834) mit La Dame blanche (1825). Dann der italienische Einfluss: Louis Hérold (Schüler Méhuls), Adolphe Adam (Schüler Boieldieus), Daniel Auber (1782-1871) mit La Muette de Portici (1828) und Manon Lescaut (1856), sowie Jacques Halévy (1799-1862) mit La Juive (1835). Auber leitet ab 1842 das Konservatorium.
Um die Jahrhundertmitte rückt eine ernstere Generation die Opéra-comique an die Oper heran; das Gesprochene bleibt das Unterscheidungsmerkmal: Charles Gounod (Mireille, 1864), Léo Delibes (Lakmé, 1883), Gustave Charpentier (Louise, 1900) und Georges Bizet (Carmen, 1875).
Bizets Carmen: Gipfel der Opéra-comique
Carmen (1875) ist eine Opéra-comique in vier Akten, Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach Mérimées Novelle (1845). Bizet schreibt sie mit gesprochenen Passagen zwischen den Gesangsnummern; im Ausland greift man oft zur durchgehend gesungenen Fassung mit Rezitativen von Ernest Guiraud, die nach dem Tod des Komponisten entstanden.
Uraufführung am 3. März 1875 an der Pariser Opéra-Comique (Galli-Marié in der Titelpartie): kühle Aufnahme, dann dauerhafter Erfolg. Es ist die meistgespielte französische Oper der Welt. Handlung in Sevilla um 1820: Don José (Tenor), Carmen (dramatischer Mezzo), Escamillo (Bariton), Micaëla (lyrischer Sopran). Nietzsche sah darin das Gegengift zu wagnerischen « Nebeln »: feurige, « mediterrane » Musik. Das Werk kündigt auch den Verismo an, webt ein Schicksalsmotiv schon in der Ouvertüre und entlehnt den Kontur der Habanera einer spanischen Liedmelodie.
Mit Carmen löst sich das französische Musiktheater von deutscher und italienischer Vorherrschaft: Meisterwerk der Opéra-comique des 19. Jahrhunderts, natürliche Brücke zur Diktion- und Figurenarbeit bei CALYP. Siehe auch den Überblick zur Oper und die Seite zu Berlioz.
Die Grand opéra: Berlioz, Meyerbeer, Gounod, Massenet
Die « große » Oper hatte lange weniger Publikumserfolg als die Opéra-comique. Hector Berlioz (1803-1869) bringt romantischen Geist, eine Vorrangstellung der Musik und kolossale Dimensionen: Benvenuto Cellini (1836-38), Les Troyens (1855-58), Béatrice et Bénédict (1860-62). Das Publikum bevorzugt oft die leichtere Opéra-comique.
Giacomo Meyerbeer (1791-1864), gebildet zwischen Berlin, Italien und Paris, wird der Meister der spektakulären Grand opéra: prächtige Inszenierungen, in denen das Visuelle der Musik gleichkommt, mit schönen Melodien und reicher Orchestrierung. Robert le Diable (1831), Les Huguenots (1836), Le Prophète (1849), L'Africaine (1865).
Charles Gounod (1818-1893) setzt Faust (1859) durch: ohne radikale Gattungsreform stellt er « ein französisches Klima her, das Strenge mit Lust am Genuss verbindet » (R. Manuel) und schreibt Arien von hoher Qualität. Jules Massenet (1842-1912) führt die Linie fort: Manon (1884, Opéra-Comique), Werther (1892), Thaïs (1894). Camille Saint-Saëns (1835-1921) hinterlässt Samson et Dalila (1877). Dieses Repertoire französischer Arien und Szenen trifft die französische Mélodie im Anspruch an klares lyrisches Französisch.
Offenbach und der Übergang zur Operette
Schrittilich rückt die Opéra-comique durch stärkere Komik an die Operette heran, vertreten durch Jacques Offenbach (1819-1880): Orphée aux Enfers (1858), La Belle Hélène (1864), La Vie parisienne (1866), La Grande-Duchesse de Gérolstein (1867), La Périchole (1868) und Les Contes d'Hoffmann (1880), ein dunkleres Werk, das ein Pfeiler des französischen Repertoires bleibt.
Für Sängerinnen und Sänger verlangt diese Kontaktzone aus Komik, gesprochenem Dialog und Arien Flexibilität zwischen Sprechen und Singen, Projektion, Agilität und Textverständnis. Genau das trainiert das Centre d'Art Lyrique de Paris (CALYP) mit der Methode von Adeline Toniutti: lyrisches Französisch, Figuren, Wechsel zwischen Rezitativ, Arie und (wenn das Werk es verlangt) gesprochenem Dialog.
Chronologische Marksteine und Schlüsselwerke
- 1825: Boieldieu, La Dame blanche.
- 1828: Auber, La Muette de Portici.
- 1831-1836: Meyerbeer, Robert le Diable, dann Les Huguenots.
- 1835: Halévy, La Juive.
- 1855-1862: Berlioz, Les Troyens, Béatrice et Bénédict.
- 1858-1868: Offenbach, von Orphée aux Enfers bis La Périchole.
- 1859: Gounod, Faust.
- 1875: Bizet, Carmen (Opéra-Comique, 3. März).
- 1877: Saint-Saëns, Samson et Dalila.
- 1883-1900: Delibes Lakmé, Massenet Manon, Werther, Thaïs, Charpentier Louise.
Diese Marksteine speisen den Cluster Musikgeschichte und die Gesangsarbeit in der Masterclass.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Opéra-comique und Grand opéra?
Die Opéra-comique enthält gesprochene Dialoge zwischen den Gesangsnummern; die Grand opéra ist durchgehend gesungen und zielt oft auf Spektakel und historisches oder mythologisches Drama.
Warum ist Carmen eine Opéra-comique?
Bizet schrieb sie mit gesprochenen Passagen für die Pariser Opéra-Comique (1875). Durchgehend gesungene Auslandsfassungen beruhen auf Rezitativen Guirauds nach seinem Tod.
Wer dominiert die französische Oper im 19. Jahrhundert?
Anders als im wagnerischen Deutschland multipliziert Frankreich die Gestalten: Auber, Halévy, Meyerbeer, Berlioz, Gounod, Bizet, Massenet, Saint-Saëns, Offenbach, ohne einen einzigen ausschließlichen Genius des Pariser Publikums.
Welches Repertoire zuerst für lyrisches Französisch?
Arien von Gounod und Massenet, Szenen aus Carmen, Seiten von Berlioz und der französischen Mélodie: CALYP verbindet diese Werke mit Diktion, Atem und Registern.
Wozu dient die französische Oper des 19. Jahrhunderts dem Sänger heute?
Sie verlangt klares Französisch, gesprochene Dialoge, Charakterarien und Bühnenpräsenz: zentrale Kompetenzen der CALYP-Gesangsstunden und Masterclasses.
Quellen und Zitate
Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).
- Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.
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