Die Fuge: Definition, Aufbau und die Kunst des Kontrapunkts

MUSIKGESCHICHTE

Imitation und Subjekt-Antwort: das polyphone Ohr des Sängers (Chor, Ensemble, Kantate) schulen.

Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti

Definition der Fuge

Die Fuge (vom lateinischen fuga, «Flucht») ist eine kontrapunktische Komposition, die auf dem Prinzip der Imitation und auf einem charakteristischen Thema, dem Subjekt, beruht. Sie ist die ausgearbeitetste Form der Kontrapunktkunst. Die Stimmen setzen nacheinander ein: Subjekt in der Tonika, Antwort in der Dominante, oft mit Kontrasubjekt. Für Sängerinnen und Sänger in Chor, Ensemble oder Kantate schult dieser polyphone Dialog das Hören der anderen Linien.

Ursprung: vom Ricercar zur barocken Fuge

Die Fuge ist der Höhepunkt der Entwicklung des Ricercars («Forschung»), eines Instrumentalstücks mit mehreren Themen in freier kontrapunktischer Imitation. Das Ricercar erscheint zu Beginn des 16. Jahrhunderts und entstammt der Vokalpolyphonie. In Italien schreiben Gabrieli und Frescobaldi zahlreiche Beispiele. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird die Fuge zu einem der wichtigsten Genres der Barock-Ästhetik.

Noch immer behandelt J.S. Bach dieses zunächst streng wirkende Genre mit der größten Souveränität: Fugen des Wohltemperierten Klaviers, Orgelfugen, Kunst der Fuge. Der freiere Fugato-Stil dringt in andere Gattungen ein: Oratorienchöre, Sätze von Concerti grossi, Mittelteil der französischen Ouvertüre, Durchführungen von Sonaten, Sinfonien und Quartetten. Die Imitation (Antezedens und Konsequens) bleibt die elementare Geste.

Aufbau der Fuge: Exposition, Durchführungen, Engführung

Der Plan variiert je nach Komponist und Werk. Nur die Schulfuge folgt einem strengen Schema. Gemeinsam ist allen Fugen die Exposition: Stimme 1 bringt das Subjekt in der Tonika, dann ein Kontrasubjekt; Stimme 2 antwortet in der Dominante; die Stimmen 3 und 4 nehmen Subjekt und Antwort wieder auf. Die Einsatzordnung (SATB, BTAS, TBSA…) ist frei. Aus harmonischen Gründen trägt die Antwort oft eine kleine melodische Änderung, die Mutation.

Nach der Exposition wechseln sich Durchführungen (neue, mehr oder weniger vollständige Expositionen in verwandten Tonarten mit Kadenz) und freiere Episoden (oft modulierende Polyphonie über Elemente von Subjekt oder Kontrasubjekt) ab. Am Ende können die Einsätze enger rücken: das ist die Engführung (Stretto), ein Moment großer satztechnischer Virtuosität. Eine große Fuge endet oft mit einer Coda über Tonika- oder Dominantpedal. Das Paradoxon, das A. Mellnäs hervorhebt: die angeblich strengste Form verlangt auch Fantasie, Caprice und «Flucht» vor der Regelmäßigkeit.

Kontrapunktische Verfahren und Fugentypen

Mehrere Verfahren eignen sich besonders: die Umkehrung (Motiv in Spiegelintervallen), die Augmentation (verdoppelte Werte) und die Diminution (halbierte Werte). Ist das Kontrasubjekt so deutlich und kontrastreich, dass es als zweites Subjekt gehört wird, spricht man von einer Doppelfuge; bei zwei oder mehr so behandelten Kontrapunkten von Doppel- oder Tripelfugen. Jedes Subjekt kann zuerst einzeln, dann kombiniert exponiert werden.

Eine kurze Fuge mit wenigen Stimmen und Durchführungen heißt Fughetta. Fugato bezeichnet freiere fugenartige Schreibweise außerhalb der eigentlichen Fuge (Durchführungen von Sonaten, Sinfonien, Quartetten). Das Präludium, bei Bach oft mit der Fuge gepaart (und manchmal mit der Suite), behält einen improvisatorischen Charakter; das Paar Präludium-Fuge prägt einen großen Teil des Orgel- und Tastenrepertoires.

Bach und die Nachwirkung der Fuge

Bach, weitgehend Autodidakt, eignet sich die norddeutschen Tastenformen an (Variation, Choral, Toccata, Präludium, Fuge), die französische Musik (Couperin) und italienische Modelle (Vivaldi-Transkriptionen für Orgel). René Leibowitz stellt ihn an die Kreuzung älterer kontrapunktischer und aufkommender harmonischer Schreibweise. Wenn der Geschmack zu einfacher Melodie über klarer Harmonie neigt, beharrt er: Musikalisches Opfer, Kunst der Fuge. Man liest ihn als Gipfel der Polyphonie und der barocken Welt.

Später wird die Fuge seltener, aber in entscheidenden Werken: Beethoven (Große Fuge für Streichquartett Op. 133, späte Klaviersonaten), Franck (Prélude, Fugue et Variation für Orgel; Prélude, Choral et Fugue für Klavier), Strawinsky (2. Satz der Psalmensymphonie), Bartók (1. Satz der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta), Ravel (2. Stück des Tombeau de Couperin) sowie fugenartige Passagen in den Requien von Mozart und Suppé. Für Sängerinnen und Sänger bleiben diese Seiten Labore polyphonen Hörens.

Chronologie und Schlüsselwerke

  • Anfang 16. Jh.: Ricercar; Gabrieli, Frescobaldi.
  • Ende 17. Jh.: die Fuge wird zum großen Barockgenre.
  • Bach: Wohltemperiertes Klavier, Orgelfugen, Kunst der Fuge, Musikalisches Opfer.
  • Beethoven: Große Fuge Op. 133; späte Klaviersonaten.
  • 19.-20. Jh.: Franck, Ravel (Tombeau de Couperin), Strawinsky, Bartók.

Häufige Fragen zur Fuge

Was ist die Definition der Fuge?

Eine kontrapunktische Komposition auf der Basis der Imitation eines charakteristischen Subjekts; die ausgearbeitetste Form der Kontrapunktkunst.

Worin unterscheiden sich Subjekt und Antwort?

Das Subjekt erklingt in der Tonika; die Antwort nimmt das Thema in der Dominante auf, manchmal mit melodischer Mutation aus harmonischen Gründen.

Was ist eine Engführung?

Ein Abschnitt, in dem die Subjekteinsätze enger aufeinander folgen, oft gegen Ende der Fuge, mit großer satztechnischer Dichte.

Fuge, Fugato und Fughetta: welche Unterschiede?

Die Fuge ist das vollständige Genre; Fugato ist freierer fugenartiger Stil in anderem Kontext; die Fughetta ist eine kurze Fuge mit wenigen Stimmen und Durchführungen.

Warum ist die Fuge für Sängerinnen und Sänger wichtig?

Sie bildet das polyphone Ohr: andere Stimmen hören, den Einsatz setzen, Subjekt oder Kontrasubjekt in Chor, Kantate oder Ensemble tragen.

Quellen und Zitate

Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).

  • Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.

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