Die Orgel

MUSIKGESCHICHTE

Das erste natürlich polyphone Instrument: Geschichte, Gehäuse, Traktur und Register für das Ohr der Sängerin und des Sängers, von Adeline Toniutti.

Quelle Jean Mislin · Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter · Lehrer von Adeline Toniutti Im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti

Die Orgel: das Wesentliche

Die Orgel ist eine von Druckluft erregte Panflöte: Während der Atem des Flötisten versiegt und Saitenschwingungen absterben, besiegt der Orgelton die Dauer und bleibt sich selbst gleich. Die Erfindung wird gemeinhin Ktesibios von Alexandria (3. Jh. v. Chr.) zugeschrieben. Als erstes natürlich polyphones Instrument, zehn Jahrhunderte lang von der christlichen Liturgie bevorzugt und erst im 19. Jahrhundert im Konzertsaal, formt sie das Ohr von Chor-, Kantaten- und Oratoriensängerinnen und -sängern.

Geschichte: von der Hydraulis zum Konzert

Von der antiken Hydraulis, mächtiger Stimme des römischen Zirkus, über Portativ, Regal und Positiv bis zu den großen Zweiunddreißigfuß-Instrumenten mit fünf oder sechs Manualen definiert die Orgel eine gattungsreiche Familie. Wie P.P. Lacas bemerkt, gleicht jedes Instrument einem Gesicht: kaum Doppelgänger, Serienfertigung nahezu unmöglich.

Die Liturgie macht sie zum Königsinstrument des Kultes; das Orgelrepertoire speist den deutschen und französischen Barock, von Buxtehude zu Bach, von Couperin zu Händel (etwa zwanzig Orgelkonzerte). Im 19. Jahrhundert betritt die Orgel den Konzertsaal; Liszt schreibt ein Präludium und Fuge über B.A.C.H. (1855). Messiaen, Organist an der Trinité, verlängert die Verbindung von Spieltisch und klanglicher Erfindung.

Beschreibung: ein klingender «Körper»

Man kann sie wie einen menschlichen Körper beschreiben. Das Gehäuse (Buffet) ist der sichtbare Teil; der Prospekt (Montre) umfasst die Frontpfeifen. Die Windanlage (heute elektrischer Ventilator) speist den Balg, ein Reservoir, von dem die Windladen (Sommiers) versorgt werden, auf denen die Pfeifen stehen.

Die Traktur verbindet Taste und Ventil: mechanisch (die älteste und beste), pneumatisch (spätes 19. Jh., unzuverlässig, verzögert) oder elektrisch (20. Jh.: Elektromagnete, Spieltisch ggf. entfernt). Der Spieltisch vereint Manuale (Hauptwerk, Positiv, Récit, 51 bis 61 Töne), Pedal mit etwa dreißig Tönen, Register, Koppeln und Pedalkoppeln.

Pfeifen misst man noch in Fuß (etwa 32 cm). Ein 8'-Prinzipal hat die längste Pfeife von acht Fuß (etwa 256 cm): sein A entspricht dem Klavier. Ein 16'-Register klingt eine Oktave tiefer, ein 4' eine Oktave höher, auf derselben Taste.

Labial- und Zungenpfeifen

Labialpfeifen (Prinzip der Blockflöte): Luft trifft den Labiumrand; die Höhe hängt von der Länge ab. Metall (Zinn-Blei-Legierung) oder Holz. Unter den Grundstimmen: Prinzipale mittlerer Mensur, Flöten und Bordune weiter Mensur, Streicher und Salizionale enger Mensur.

Aliquoten (Mutationen) werden nie allein gespielt: sie verstärken Teiltöne und «mutieren» die Farbe (Nasat 2 2/3, Terz 1 3/5, Larigot; Kornett; Mixturen und Zimbeln). Dom Bédos (1776) hielt das Plein-jeu, gut genährt von den Grundstimmen, für das Harmonischste der Orgel.

Zungenpfeifen (schwingende Messingzunge) sind sämtlich aus Metall. Nur Oktavstufen (16', 8', 4', 2'): Bombarde, Trompete und Clairon bilden das französische Grand jeu, oft mit Kornett. Weitere: Cromorne, Oboe, Regal, Dulzian; horizontale Chamaden. Der Tremulant ahmt ein der Stimme nahes Vibrato nach.

Chronologische Orientierung

  • 3. Jh. v. Chr.: Erfindung dem Ktesibios zugeschrieben; antike Hydraulis.
  • Mittelalter - Barock: bevorzugtes liturgisches Instrument; Portative, Positive, große Kirchenorgeln.
  • 17.-18. Jh.: Höhepunkt des Repertoires (Buxtehude, Bach, französische Schule, Händel-Konzerte).
  • 19. Jh.: Eintritt in den Konzertsaal; Liszt, Franck, Saint-Saëns (Orgelsinfonie).
  • 20. Jh.: elektrische Trakturen; Messiaen an der Trinité.

Nützliche Begriffe: Gehäuse, Prospekt, Windlade, Register, Plein-jeu, Grand jeu, Koppel, Fuß (16', 8', 4').

FAQ zur Orgel

Wer hat die Orgel erfunden?

Die Erfindung wird gemeinhin Ktesibios von Alexandria im 3. Jahrhundert v. Chr. zugeschrieben. Die antike Hydraulis ist die berühmteste Vorläuferin.

Warum ist der Orgelton so stabil?

Weil er auf gespeicherter, verteilter Druckluft beruht: der Ton versiegt nicht wie der Atem eines Flötisten und stirbt nicht wie eine Saite.

Was bedeuten 8'- und 16'-Register?

Der Fuß misst etwa 32 cm. Ein 8' klingt in Klavierhöhe auf derselben Taste; 16' eine Oktave tiefer, 4' eine Oktave höher.

Labial- oder Zungenpfeifen?

Labialpfeifen funktionieren wie eine Blockflöte; Zungenpfeifen lassen eine Messingzunge schwingen (Trompete, Bombarde, Cromorne usw.).

Wobei hilft die Orgel der Singstimme?

Sie schult das polyphone Ohr, fordert langes Legato gegen einen Dauerton und macht mit den Farben der sakralen Begleitung des Barock und der Romantik vertraut.

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Quellen und Zitate

Zitate und Zuschreibungen aus den Musikgeschichts-Notizen von Jean Mislin (keine vollständige Bibliografie).

  • Jean Mislin: Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter, Lehrer von Adeline Toniutti. Notizen im Rahmen der Forschung von Adeline Toniutti.
  • P.P. Lacas: von der Hydraulis und dem Portativ zu den großen Mehrmanualorgeln definiert die Orgel «eine Gattung, die die Arten teilen»; jedes Instrument, «wie ein Gesicht», kennt kaum Doppelgänger.
  • Dom Bédos (1776): das Harmonischste der Orgel ist das Plein-jeu, gemischt mit den Grundstimmen in gerechter Proportion.
  • Händel / Liszt: etwa zwanzig Orgelkonzerte bei Händel; bei Liszt Präludium und Fuge über B.A.C.H. (1855).

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